Etappe 8

Etappe 8

In der Not der Nachkriegszeit war das Engagement des Diakonissenhauses gefragter denn je. Schon 1945/1946, noch in den beengten Verhältnissen der Notunterkunft Villa Manskopf, wurden Kindergarten und Hort wiedereröffnet. Von 1950 an diente das restaurierte Nellinistift erneut als Altenpflegeheim. Kurz nach Rückkehr der Schwestern in das Diakonissenhaus im Jahr 1955 erfolgte die Eröffnung des Krankenhauses, der späteren Fachklinik für Innere Medizin. Die Einweihung der neu errichteten Kirche fand 1959 statt.

Um den wachsenden gesellschaftlichen Bedarf an Personal in Pflege und Erziehung zu bewältigen und um den modernen Ausbildungsanforderungen zu genügen, schuf das Haus neue Ausbildungseinrichtungen. Zahlreiche junge Menschen, unter ihnen nun auch Männer, nutzten diese Möglichkeiten zur beruflichen Bildung. Manche Frauen blieben: Die gemeinschaftliche Lebensform, die mit Gebet und geistlichem Gespräch das Fundament des diakonischen Wirkens bildet, ließ in ihnen während einer Probezeit den Entschluss reifen, der Schwesternschaft beizutreten. Sie sahen sich zum Leben als Diakonisse berufen.

Mit dem Einzug der Diakonissen erfuhr die Villa Manskopf eine neue Phase der Nutzung. Am Eingang des Gebäudes wurde ein Schild mit dem Symbol der weißen Taube angebracht, das die Villa als Diakonissenmutterhaus kennzeichnete. Zu diesem Zeitpunkt konnte niemand ahnen, dass die Villa für die nächsten zehn Jahre zur Wohn- und Wirkungsstätte der Schwestern werden würde.

Nach der Wiederherrichtung des verwahrlosten Hauses, das im Krieg als Lazarett gedient hatte, wurden zunächst die Bewohnerinnen der früheren Altenheime, die wegen der Bombenangriffe evakuiert worden waren, nach Frankfurt zurückgeholt. Sie fanden Aufnahme in einem Ersatzwohnheim in der Darmstädter Landstraße.

Infolge der Notlage vieler Familien war der Bedarf an Betreuungsangeboten für Kinder besonders groß. Zahlreiche Gemeinden wandten sich mit Bitten um Wiedereröffnung von Kindergarten und Hort an das Diakonissenhaus. Um auf die zahlreichen Anfragen schnell reagieren zu können, entschied man sich, beide Einrichtungen in einer ehemaligen Wehrmachtsbaracke im großen Park der Villa zu eröffnen. Hilfspakete aus Amerika, die sog. CARE-Pakete, halfen bei der Versorgung der betreuten Kinder.

Der Kindergarten war Zufluchtsort für Kinder, die in einer Umgebung aufwuchsen, die von Trümmern und Verlust geprägt war. Er war auch für die Mütter von großem Wert. Viele von ihnen litten unter Trauer und Sorge um ihre gefallenen oder vermissten Ehemänner und hatten Angehörige zu beklagen, die dem Bombenkrieg zum Opfer gefallen waren. Im Kindergarten fanden sie Trost und eine Gemeinschaft, die ihnen Halt gab und half, die schweren Zeiten gemeinsam zu bewältigen. (1) Darüber hinaus erfüllte der Kindergarten eine weitere wichtige Funktion: Er wurde zum Versammlungssaal für Gemeindemitglieder, deren Kirchen oder Gemeindehäuser im Luftkrieg zerstört worden waren.

Wegen des großen Mangels an Kindergärtnerinnen nahmen die Diakonissen die Ausbildung von Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen wieder auf. Die Eröffnung der Fachschule war an die Einhaltung antinazistischer Regeln geknüpft, die von der Besatzungsmacht erlassen worden waren.

Auch um ihre kranken Mitmenschen kümmerten sich die Diakonissen in der Villa Manskopf von Beginn an wieder. Zunächst wurde eine medizinische Ambulanz eingerichtet. Nach der Währungsreform im Jahr 1949 entstand ein Krankenhaus mit Kapazitäten für etwa 30 Patienten. Neben der medizinischen Betreuung wurden dort auch Schülerinnen und junge Schwestern in einer eigens gegründeten Krankenpflegeschule ausgebildet.

Die räumlichen Verhältnisse im Krankenhaus waren äußerst beengt. Die Auszubildenden mussten sich das Gebäude nicht nur mit den Kranken teilen, sondern auch mit den Bewohnerinnen eines ebenfalls dort untergebrachten Altenheims. Trotz der Herausforderungen berichteten die Auszubildenden davon, dass der Aufenthalt in der neuen Gemeinschaft und die praktische Tätigkeit nach den belastenden Jahren der NS-Zeit, der Flucht und der Ausbombung für sie zu einer Quelle von Kraft und Zuversicht wurden. (2)

Noch bevor das Mutterhaus vollends auf das Gelände an der Eschersheimer Landstraße zurückkehren konnte, wurden bereits einige Arbeitsbereiche dorthin verlegt. Nach der Rückgabe sowie der Restaurierung des teilzerstörten Nellinistifts wurde das Gebäude im Jahr 1950 als Altenheim wiedereröffnet. (3) Im Jahr 1954 erfolgte der Umzug der „Fachschulgärtnerinnen und Hortnerinnen“ von der Villa Manskopf zurück an den alten Standort.

Trotz wiederholter Anträge beim Hohen Kommissar der amerikanischen Besatzungsverwaltung, die im IG-Farben-Gebäude residierte, verzögerte sich die Rückgabe des Mutterhauses sowie der meisten weiteren Gebäude des Diakonissenwerks erheblich. Dies lag vor allem am hohen Wohnraumbedarf der amerikanischen Besatzungstruppen, der aus einer Aufstockung des militärischen Personals im Rhein-Main-Gebiet im Zuge des Kalten Krieges resultierte. Dennoch führte der Einspruch schließlich zum Erfolg: Am 30. April 1955 – genau zehn Jahre nach dem Auszug – konnte die Diakonissengemeinschaft in das alte Mutterhaus zurückkehren. Die vollständige Rückgabe aller Räumlichkeiten erfolgte im Jahr 1965. (4)

Mit Elan setzten die Schwestern an ihrem ursprünglichen Standort ihre Arbeit fort. Da Kirche und Krankenhaus in Trümmern lagen und alle übrigen Häuser in schlechtem Zustand waren, standen zunächst Sanierungsarbeiten an. 1956 erfolgte der Wiederaufbau des zerstörten Mutterhausflügels. In einer großen Baracke, in der die Amerikaner Autos repariert hatten, wurde eine Notkirche eingerichtet.

Die Einweihung einer neuen Kirche erfolgte am zweiten Advent 1959. Durch den Umbau und Renovierung im Jahr 1989 erhielt die Kirche ihre heutige Gestalt. In ihrer Innenraumgestaltung nahm sie den erlesenen Stil der früheren Diakonissenkirche auf. Insbesondere Schwestern aus streng reformierten Regionen Nordhessens waren ein eher schlichtes, nüchternes kirchliches Ambiente gewohnt. Daher berichteten mehrere von ihnen, dass sie sich zunächst an die Ausstattung der Kirche gewöhnen mussten. Besonders die Kombination aus der reicheren Kirchenausstattung, den Gesängen während der Andachten und Gottesdienste sowie den Blumen auf dem Altar erinnerte sie an Traditionen des katholischen Christentums. Der lutherische Charakter des Frankfurter Diakonissenhauses zeigte sich in Architektur und Liturgie seines Gotteshauses. (5)

Da das alte Krankenhaus den Bomben zum Opfer gefallen war, entschieden sich die Diakonissen, das ehemalige Altenheim an der Holzhausenstraße zum neuen Diakonissenkrankenhaus umzubauen. Die Patienten, die zuvor in der Villa Manskopf untergebracht waren, wurden in das neue Haus verlegt. Mit einer Kapazität von 155 Betten gehörte das Diakonissenkrankenhaus im Vergleich mit den städtischen Einrichtungen zu den kleineren Krankenhäusern in Frankfurt.

1965 wurde auf Grund eines neuen Krankenpflegegesetzes die Ausbildungsdauer an der Krankenpflegeschule auf drei Jahre erweitert. Im Jahr darauf startete die einjährige Ausbildung für Krankenpflegehelferinnen und -helfer. Bemerkenswert war, dass das Diakonissenhaus hierbei auf bestimmte schulische Abschlüsse als Zugangsvoraussetzung verzichtete, um den Beruf für eine breitere Bewerbergruppe zu öffnen. (6)

Im Jahr 1955 wurden sowohl ein Kindergarten als auch ein Hort in der Holzhausenstraße eröffnet. 1966 zogen die Einrichtungen in ein neu errichtetes Gebäude in der Eschersheimer Landstraße um. Die Ausstattung der Kindergärten in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg war äußerst mangelhaft. Besonders in den Gemeinden mussten die dort tätigen Schwestern ein hohes Maß an Kreativität und Flexibilität zeigen, um den Alltag zu bewältigen. Die vorherrschende Notlage eröffnete ihnen jedoch auch Freiräume. So beschränkten sie sich nicht nur auf die Betreuung von Kindern im klassischen Kindergartenalter, sondern nahmen häufig auch jüngere Geschwister und Kinder mit Behinderungen in die Betreuung auf. (7)

Der „Fachschule für Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen“ war von 1960 bis 1975 die „Berufsfachschule für Kinderpflegerinnen“ vorgeschaltet, in der die meist jüngeren Schülerinnen auf pädagogische sowie auf hauswirtschaftliche und pflegerische Aufgaben vorbereitet wurden, wie dies dem damaligen Bedarf vieler Kindergärten und Heime entsprach. Der Abschluss der Berufsfachschule ermöglichte Schülerinnen, die keinen Realschulabschluss besaßen, die Fachschulreife zur Aufnahme in die neu installierte „Berufsfachschule Fachschule Sozialpädagogik“ und zu anderen Berufen zu erwerben. 1970 erhielt diese nach einem Erlass des Kultusministeriums die neue Bezeichnung „Fachschule für Sozialpädagogik“. Die Berufsbezeichnungen Kindergärtnerin und Hortnerin wurden geändert in Erzieherin/Erzieher. (8) Von 1988 an konnten sich auch Männer als Erzieher ausbilden lassen.

Die Pädagogik der Fachschule musste sich auf neue Aufgaben einstellen wie die Betreuung ausländischer Kinder aus vielen Nationen und einer zunehmenden Zahl von Kindern aus unvollständigen Familien. Ihr religionspädagogischer Auftrag äußerte sich in der Ausrichtung auf einen Erziehungsstil, den die Leiterin Schwester Anneliese Friese am Beispiel der Früherziehung mit folgenden Worten beschrieb: Religiöse Erziehung beginnt, „wenn ein Kind erfährt, dass es als Gottes Geschöpf angenommen und erwünscht ist, wenn es Wärme und Schutz, Geborgenheit und Versöhnung erfährt.“ (9)

Zum pädagogischen Bestand des Diakonissenhauses gehörte der Elisabethenhof, ein Heim für „erziehungsschwierige“ Mädchen und junge Frauen. Es stand in der Tradition der Erziehungsarbeit des Diakonissenhauses, die 1877 im Magdalenum begonnen hatte und − nach einer Zwischenstation in einem Erziehungsheim in Eckenheim – 1912 auf dem Rotenberg bei Marburg an der Lahn fortgesetzt wurde.

Neben Aufsicht und geistiger Pflege beruhte das Erziehungskonzept auf hauswirtschaftlicher Schulung und schulischer Weiterbildung. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm das Diakonissenhaus eine bauliche Modernisierung vor. Sozialpädagoginnen und Erzieherinnen wurden eingestellt, zudem arbeitete man fortan mit dem Schulamt und der Volkschochschule zusammen. Marburger Familien erklärten sich bereit, Zöglinge des Heims stundenweise zu beschäftigen und sie auf die Zeit nach der Heimentlassung vorzubereiten.

Im Zuge der Außerparlamentarischen Opposition (APO) und des Aufkommens der sog. antiautoritären Pädagogik war die Leitung des Hauses starker Kritik von Seiten Marburger Studenten und Mitglieder der APO ausgesetzt und sah sich genötigt, ihr Erziehungsmodell zu reformieren. Als 1974 das Mündigkeitsalter auf 18 Jahre herabgesetzt wurde, wirkte dies als zusätzlicher Anstoß, verstärkt auf die Selbständigkeit der Heimbewohnerinnen hinzuarbeiten. Doch trotz zahlreicher Reformen ging von 1978 an die Belegung des Hauses zurück, da das Heim nicht mehr den Anforderungen moderner Heimerziehung entsprach. (10)

Das nationalsozialistische Frauenbild, das die Rolle der Frau als Mutter und Gebärerin möglichst vieler Kinder propagierte, sowie der ideologische Druck, der auf den Einrichtungen des Diakonissenhauses lastete, insbesondere auf der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, hatten von 1937 an zum Rückgang der Schwesternzahl geführt. Dieser Trend wendete sich in der Nachkriegszeit, als zahlreiche junge Frauen der Schwesterngemeinschaft beitraten und das Haus einen neuen Aufschwung erlebte.

Die Gründe hierfür waren vielfältig: Not und allgegenwärtiges Elend riefen nach Hilfe und persönlichem Einsatz. Die kirchliche Jugendarbeit, die im Rahmen der Rechristianisierung aus der moralischen Wüste des Nationalsozialismus fruchtbaren Boden machen wollte, erlebte starken Zulauf und weckte die Bereitschaft, sich aktiv einzubringen und Verantwortung zu übernehmen. (11) Ein weiterer Faktor war, dass das Diakonissenhaus gerade für viele junge Frauen, die aus ländlichen Gebieten mit beschränkten Ausbildungsmöglichkeiten kamen, attraktiv war. Die beruflichen Wege, die es eröffnete, zogen viele an.

Nicht alle Frauen kamen mit der Absicht, dem Diakonissenhaus dauerhaft beizutreten. Einige verließen das Haus nach Ausbildungsende wieder. Andere Anwärterinnen waren entschlossen, warteten jedoch auf eine innere Stimme, die vollkommene diakonische Bereitschaft signalisierte. (12) Häufig war es die erlebte Sinnhaftigkeit ihrer Tätigkeit sowie die Zustimmung zum Leben in der Schwesterngemeinschaft, die ihnen halfen, anfängliche Zweifel zu überwinden. Zu berücksichtigen ist außerdem, dass die Berufung auch dadurch erleichtert wurde, dass unverheiratete und berufstätige Frauen in der damaligen Gesellschaft einen schweren Stand hatten, wohingegen sie hohes Ansehen genossen, wenn sie „Unter der Haube“ standen, also Teil der Schwesterngemeinschaft waren. (13)

Etappe 8

1. Villa Manskopf, Zeichnung 1947

2. Villa Manskopf, Gebäude

3. Villa Manskopf, Hort, Baracke, Kinder

4. Villa Manskopf, Kinder, Sonnenblumen, 1945-1955

5. Villa Manskopf, Baracken, spielende Kinder

6. LKW Umzug

7. LKW, Laster, Umzug

8. Umzug, Koffer

9. Notkirche, Glockenturm

10. Notkriche, Einzug

11. Neue Kirche, 1959

12. Fachschule

1. Kommt lasst und unseren Kindern leben. Festschrift 100 Jahre Kinderhaus und Fachschule für Sozialpädagogik 1892–1992. 1992 Frankfurter Diakonissenhaus (Hg.), S. 36

2. s.o., S. 37 f.

3. Hack-Molitor, Gisela: Pflegen und Heilen, kooperieren und Identität wahren. Krankenpflege des Diakonissenhauses Frankfurt von den Anfängen bis heute. S. 241–297. In: Unter der Haube. Festschrift – 150 Jahre Diakonissen Frankfurt. 2020 Frankfurter Diakonissenhaus (Hg.), S. 238

4. Kommt lasst uns, s.o., S. 44

5. Fleiter, Michael: Unter der Haube. Erzählte Geschichte des Frankfurter Diakonissenhauses. In: Unter der Haube. Festschrift - 150 Jahre Diakonissen Frankfurt. 2020 Frankfurter Diakonissenhaus (Hg.), S. 66 und S. 69

6. s.o., S. 46

7. s.o., S. 52

8. Kommt lasst uns, s.o., S. 44

9. s.o., S. 50

10. Fleiter, s.o., S. 95 ff.

11. s.o., S. 30 ff.

12. s.o., S. 32 ff.

13. s.o., S. 35