Zu Beginn des Krieges sah sich das Diakonissenhaus verpflichtet, Pflegepersonal für die Etappe bereitzustellen. 20 Diakonissen wurden in die Lazarette „Crussy“, „Turenne“ und „Nassau“ in Sedan an der Maas abgeordnet. Ihnen folgten 20 weitere, die aber schon bald nach ihrer Ankunft in Frankreich nach Ciechozinek an der Weichsel, später nach Warschau und zu weiteren Stationen in Polen umgeleitet wurden.
Aus Briefen der Diakonissen an das Mutterhaus geht hervor, dass sich die Situation in Frontnähe von der im Diakonissenhaus deutlich unterschied. Schon auf der Fahrt in das gegnerische Land zeigte sich ihnen die zerstörerische Gewalttätigkeit des Krieges. Sie sahen niedergebrannte Dörfer und zerstörte Felder. Zahllose Leichen und Gräber auf den Schlachtfeldern zeugten vom unermesslichen Blutvergießen.
Die Pflegebedingungen in den provisorischen Lazaretten, vordem bisweilen Theatersäle, Schulhäuser oder auch Scheunen, waren haarsträubend. Infolge unzureichender hygienischer Zustände häuften sich hier Typhus- und Choleraerkrankungen. Im Winter traten bei den Soldaten Erfrierungen an Händen und Füßen auf. Fehlende Medizin und als Betten der blanke Boden oder von Ungeziefer übersätes Stroh, Kälte, Hitze und Nahrungsmangel waren Alltag. Häufig mussten die Schwestern in Vertretung der Ärzte auch schwere Verletzungen behandeln.
Die Diakonissen wurden durch das Ausmaß der Verwundungen und Seuchenkrankheiten überrascht, denn keine von ihnen hatte Kriegserfahrung. Viele waren traumatisiert und verzweifelten angesichts des erlebten Leids. Besonders die Erfahrung, nicht ausreichend helfen zu können, was schwer zu verkraften - eine psychische Last, die oft schwerer wog als die körperlichen Strapazen.
Der Mangel an elementaren Dingen wie sauberem Wasser, Betten, Nahrung und Medikamenten galt auch für sie. Die Ansteckungsgefahr war auf den Seuchenstationen besonders hoch. Die Diakonissen waren nicht nur für die Krankenpflege zuständig, sondern mussten auch zahlreiche andere Aufgaben übernehmen – zum Beispiel in Küche, Wäschebetrieben, Nähstuben, Depot, Labor, Röntgenabteilung, Operationssaal, Verbandsraum und gelegentlich in der Schreibstube. Oft fehlten ihnen die entsprechenden Qualifikationen für diese Tätigkeiten. Sie versuchten, Defizite durch Improvisation und persönlichen Einsatz auszugleichen. (5)
Neben den üblichen Pflegetätigkeiten sahen es die Diakonissen als ihre Pflicht, den Patienten Zeit zu schenken, damit diese von ihren Kriegserlebnissen an der Front oder ihren Familien erzählen konnten. Auch das gemeinsame Gebet, das von vielen Patienten erwünscht und als aufbauend erlebt wurde, gehörte zu ihrem religiösen Pflegeverständnis. Die Militärärzte, unter deren Aufsicht die Schwestern in den Lazaretten arbeiteten, bewerteten deren Einsatz, der über die Grenzen des physisch und psychisch Leistbaren hinausging, als außerordentlich wertvoll. (6)
Die Gesundheit der Schwestern litt während der Kriegsjahre erheblich. Überforderung und ständige Belastung führten dazu, dass manche nach wenigen Wochen harter Arbeit ohne Pause während des Dienstes kollabierten und aufgrund geringer Abwehrkräfte erkrankten. Die Sehnsucht, ins Mutterhaus zurückzukehren, war groß. 1916 mussten zehn Schwestern wegen gesundheitlicher Probleme nach Frankfurt zurückberufen werden. 1918 erlagen acht Schwestern ihren Krankheiten, darunter vier der Spanischen Grippe. Mit Kriegsende im November 1918 kehrten die letzten Schwestern ins Mutterhaus zurück. Das Lazarett im Diakonissenhaus wurde von der Verwaltung aufgelöst. Der Gesundheitszustand der Schwestern stand in der Nachkriegszeit noch lange unter dem Einfluss des Krieges. (7)