Etappe 4

Mit Kompetenz und Nächstenliebe

Neben der Errichtung eines Krankenhauses gehörte die Ausbildung der dort tätigen Schwestern zum Gründungsauftrag des Diakonissenvereins. Ein Vorhaben, das wie ein Weckruf wirkte in einer Zeit, in der das Pflegepersonal meist unausgebildet und mit den Aufgaben überfordert war. Auch hinsichtlich der sozialen Arbeit in den Gemeinden herrschte Bedarf an Schulung. Dasselbe galt für die Alten- und Siechenpflege wie auch die Kinderbetreuung. Eine wichtige Aufgabe des Diakonissenhauses bestand deshalb darin, Ausbildungszweige einzurichten, die in Kranken- und Altenpflege sowie Erziehung Kompetenz verbürgten.

Für die Diakonissen war die Pflege nicht bloß eine fachgerecht zu erfüllende Aufgabe, für sie lag hierin eine Berufung: der Auftrag tätiger Liebe in der Nachfolge Christi. Bei Krankheit und Siechtum, bei Familien in Not, bei hilfebedürftigen Kindern sowie bei Menschen, die aus der Gesellschaft ausgestoßen waren, bildete Nächstenliebe die Grundlage ihres Tuns. Aufopferungsbereitschaft, Empathie, Geduld und geistlicher Zuspruch erfüllten die Arbeitsgebiete mit diakonischem Geist – gemäß dem Motto des Hauses: Getrost und freudig!

Probezeit

Die jungen Frauen, die um Aufnahme in die Ordensgemeinschaft baten, mussten sowohl körperlich als auch seelisch belastbar sein. Aus diesem Grund war vor dem eigentlichen Eintritt eine Probezeit vorgeschrieben, um die Eignung der Bewerberinnen zu prüfen. Zu Beginn stand eine sechs Wochen dauernde „Vorprobe“, die den ersten Schritt im Aufnahmeverfahren darstellte. Diese wurde im Anschluss von einer regulären Probezeit abgelöst, die in der Regel drei Jahre betrug, jedoch mindestens ein Jahr dauerte. Die Probezeit diente dazu, eine gründliche Ausbildung zu gewährleisten. Daher galt der Grundsatz, dass keine Schwester vor Ablauf dieser Zeit außerhalb des Mutterhauses eingesetzt wurde. Erst nach erfolgreichem Abschluss der Probezeit wurden die Probeschwestern als Diakonissen eingesegnet. (1)

Ganzheitliche Ausbildung

Die Ausbildung im Diakonissenhaus verfolgte einen ganzheitlichen Ansatz, der sowohl religiöse als auch praktische Elemente umfasste. Im Mittelpunkt stand die biblisch-diakonische Vorbereitung der Probeschwestern auf ihre späteren Aufgaben. Ein zentraler Aspekt der Ausbildung war die regelmäßige Beschäftigung mit Bibelarbeit und Gebet. Die Probeschwestern trafen sich, um über Glaubensfragen und ihren zukünftigen Dienst zu sprechen. Diese Treffen förderten sowohl die spirituelle als auch die berufliche Entwicklung der Schwestern. Neben den religiösen und diakonischen Inhalten lag ein Schwerpunkt auf der Vermittlung praktischer Fähigkeiten. Dazu gehörten die Bereiche Krankenpflege, Kindererziehung und Sozialarbeit. Das breite Spektrum des Unterrichts spiegelte den Anspruch wider, die Schwestern umfassend auf ihre Aufgaben vorzubereiten.

Organisation des Unterrichts

Der Unterricht wurde von verschiedenen Fachkräften erteilt. Hierzu heißt es im Jahresbericht des Diakonissenhauses von 1876: „Der Hausarzt gab den ärztlichen Unterricht, der Inspektor Bibel- und Katechismusstunde sowie Berufskunde, außerdem unterrichtete er in Kirchengeschichte, Geographie, Rechnen, deutschem Aufsatz und Sprachlehre; die Oberschwester unterrichtete im Schönschreiben und Lesen, sowie in der Haus- und Pflegeordnung; die Schwester, welche in den Gottesdiensten die Orgel spielt, im Gesang.“ (2)

Gemeindearbeit

Die Gemeindearbeit, die sich zwischen „Krankendienst und Strickschule“ bewegte, zeichnete sich durch besondere Vielseitigkeit aus. (3) Die Schwestern übernahmen Aufgaben, die heute der Sozialarbeit entsprechen: Sie unterstützten ältere Menschen, Mütter und Kinder sowie Familien mit chronisch kranken Kindern. Zusätzlich halfen sie bei der Organisation des Haushalts und vermittelten praktische Feritgkeiten wie Kochen, Nähen und Flicken. Ein besonderes Augenmerk lag auf der Schulung von Töchtern aus bessergestellten Familien, die später alleinsehende Mütter und arme Familien besuchen und unterstützen sollten. Das von Kaiserswerth übernommene Konzept, Krankenpflege und Sozialarbeit mit evangelischer Seelsorge zu verbinden, prägte auch die Arbeit mit alten, armen und hilflosen Gemeindemitgliedern. Die Schwestern waren zudemin der kirchlichen Gemeindearbeit aktiv. Auf Grund ihrer umfassenden Tätigkeiten bezeichnete Fliedner die Gemeindediakonis als "Krone der Diakonietätigkeit".

Kindererziehung

Die Pflege erkrankter Kinder führte dazu, dass die Diakonissen sich zunehmend der Erziehung und religionspädagogischen Unterrichtung von Kindern widmeten. Bereits ab dem Jahr 1892 wurde das Jägerʼsche Kindersiechenhaus auch als Standort für eine Kleinkinderschule genutzt. Nach dem damaligen Verständnis wurden insbesondere Frauen bevorzugt, die von eher kleiner Statur waren. (4) Die Bezeichnung „Kleinkinderschule“ verdeutlicht, dass diese Einrichtungen nicht nur soziale und pflegerische Aufgaben wahrnahmen, sondern auch eine pädagogische Funktion erfüllten.

Um die Jahrhundertwende entwickelten sich Psychologie und Pädagogik zu eigenständigen wissenschaftlichen Disziplinen, die zunehmend das Kleinkind in den Mittelpunkt stellten. Eine neue Kleinkindpädagogik entstand, deren wissenschaftliche Erkenntnisse die Grundlage für die Ausbildungsstätten für Kleinkinderlehrerinnen bildeten. (5) Ergänzend zur Kleinkinderschule wurde im Jahr 1903 im Jägerʼschen Kindersiechenhaus ein Kleinkinderlehrerinnenseminar eingerichtet. Dort erhielten die Schwestern Unterricht in Kleinkindpädagogik und wurden zu Kinderschwestern ausgebildet.

Die Kleinkinderschule des Diakonissenhauses erfreute sich bei zahlreichen Frankfurter Familien großer Wertschätzung. Besonders erwerbstätige und im familiären Alltag überforderte Mütter nutzten das Angebot und schickten ihre Kinder zu den Diakonissen. Um den stetig wachsenden Bedarf zu decken, bildete das Diakonissenhaus auch junge Frauen aus, die als Kleinkinderlehrerinnen tätig werden und nicht die Diakonissenlaufbahn einschlagen wollten. Nach erfolgreicher Ausbildung und Prüfung arbeiteten sie in neu gegründeten Kinderschulen an verschiedenen Orten, häufig gemeinsam mit Diakonissen. Im Laufe der Zeit wurde die Erziehung zu einem zentralen Aufgabenfeld des Diakonissenhauses.

Krankenpflege

Das Diakonissenhaus nutzte für die Ausbildung der Krankenschwestern seine bestehenden Ressourcen. Der Hausarzt war für die Behandlung der Kranken verantwortlich und übernahm zugleich die wöchentliche Unterweisung und Anleitung der Diakonissen, insbesondere der Probeschwestern. Die Ausbildung dauerte zunächst ein halbes Jahr und konnte gegen Gebühr auch von externen Krankenschwestern absolviert werden. Bei den Lehrkräften handelte es sich um renommierte Frankfurter Ärzte mit umfassender Berufserfahrung; viele von ihnen gehörten dem Vorstand an. (6)

Im Jahr 1907 trat eine Ausbildungsverordnung des Preußischen Bundesrats in Kraft, die sowohl die Inhalte als auch die Prüfungen in der Krankenpflege regelte und die Ausbildungsdauer auf ein Jahr festlegte. (7) Das Diakonissenhaus passte sich diesen Vorgaben an und verlängerte ab 1909 die Ausbildung auf ein Jahr. Die obligatorischen Krankenpflegeexamen wurden im Haus von Prüfern aus Wiesbaden gemeinsam mit den Hausärzten abgehalten. In den ersten Jahren waren dabei zudem regelmäßig Vorstandsmitglieder anwesend. 1909 wurde die erste staatliche Krankenpflegeprüfung durchgeführt.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Diakonissenkrankenhaus um einen neuen Operationsflügel sowie zusätzliche Krankensäle und -zimmer erweitert. Die verbesserte Ausbildung, die gesteigerte Aufnahmekapazität und die günstige Lage am Stadtrand, die als besonders gesundheitsfördernd galt, verschafften dem Haus großes Renommee unter den städtischen Krankenanstalten. (8)

Bereits der Jahresbericht von 1876 hatte das breite und anspruchsvolle Ausbildungsspektrum hervorgehoben: „Wir freuen uns, nunmehr den Grundsatz, keine Schwester vor Ablauf des ersten Probejahres außer dem Hause zu beschäftigen, pünktlich durchführen und so den jüngeren Schwestern Gelegenheit bieten zu können, nach allen Seiten hin die nötige Ausbildung zu erlangen. Dies beschränkt sich nicht auf das Warten der Kranken oder auf die Fertigkeiten in der Haus- und Küchenarbeit, die bei vielen Pflegen erforderlich ist. Sie umfasst den ärztlichen Unterricht, den allgemeinen Unterricht und namentlich die Unterweisung aus Gottes Wort; denn wir bilden hier nicht nur Krankenpflegerinnen, sondern Diakonissen, das sind Dienerinnen Jesu an seiner Gemeinde in deren hilfsbedürftigen – und nicht etwa nur kranken – Gliedern.“ (9)

Bilder aus der Zeit mit Beschreibungen

1. Kleinkinderhaus

2. Kindersiechenhaus Bettensaal

3. Spielen, Kinderbetreuung

4. Kreis, Kinderbetreuung

5. Gruppenbild, Kleinkinderschule ca. 1916

Fussnoten

1. Hack-Molitor, Gisela: Pflegen und Heilen, kooperieren und Identität wahren. Krankenpflege des Diakonissenhauses Frankfurt von den Anfängen bis heute. S. 241–297. In: Unter der Haube. Festschrift – 150 Jahre Diakonissen Frankfurt. 2020 Frankfurter Diakonissenhaus (Hg.), vgl. S. 263 ff.

2. Jahresbericht des Diakonissenhauses 1876. In: Lachenmann, Hanna: Getrost und freudig. Festschrift 125 Jahre Frankfurter Diakonissenhaus 1870 - 1995. In: Blätter aus dem Frankfurter Diakonissenhaus Nur. 386 - 1995/2 , S. 62 f.

3. Jahresbericht des Diakonissenhauses 1886. In: Lachenmann, s.o., vgl. S. 63