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Predigt von Pröpstin Gabriele Scherle zum 140. Jahresfest des Frankfurter Diakonissenhauses

 

„Gott die Ehre geben“

 

Predigt zum 140. Jahresfest des Frankfurter Diakonissenhaus

 

Gabriele Scherle, Pröpstin für Rhein-Main

 

Liebe Festgemeinde,

 

Seit 140 Jahren loben und preisen die Diakonissen des Frankfurter Diakonissenhaus - zusammen mit vielen anderen – den dreieinigen Gott in Wort und Tat. Damit gaben und geben sie Gott die Ehre in dieser Stadt. Die Werke waren vielfältig und einflussreich in diesen 140 Jahren. Gott sei Dank dafür!

 

Am Anfang gründeten 10 engagierte Christinnen und Christen den Diakonissenverein mit dem Ziel ein Diakonissenhaus ins Leben zu rufen. Die offenen Augen für hilfsbedürftige Menschen und der klare Auftrag christlicher Nächstenliebe haben sie angetrieben.

Am 8. Juni 1870 konnte die erste Oberin eingeführt werden. Seither hat Frankfurt eine eigene Schwesternschaft von Diakonissen, ein eigens Diakonissenhaus.

 

Was haben sie nicht alles auf die Beine gestellt in diesen 140 Jahren zusammen mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter? Welche Werke der Nächstenliebe wurden nicht alle ins Leben gerufen? Es gäbe viel aufzuzählen. Und immer haben die Frankfurter Diakonissen dabei auch die Kirche mit gestaltet. Hier an diesem Ort wurde der Arierparagraph eben nicht angewandt – wie in so vielen anderen Institutionen unserer Kirche, wie wir heute schamvoll bekennen müssen. Dietrich Bonhoeffers Diktum „Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen“ hat hier eine evangelische Form gefunden.Vom Zusammenhang von Diakonie und Kirche – von Wort und Tat – von Glaube und Liebe ist dieser Ort in besonderer Weise durchtränkt. Diesen Zusammenhang nicht preiszugeben ist eine Aufgabe für die Zukunft.

 

Die Zeiten haben sich geändert. Nach einer Phase mit 300 Schwestern, die von Bensheim bis Schmalkalden ihren Dienst taten – muss sich die Schwesternschaft nun seit einigen Jahren mit neuen Frage auseinandersetzen: Wie geht es weiter, wenn wenige nachkommen? Wer sind wir ohne unsere Einrichtungen? Welche Aufgabe hat Gott heute für uns vorgesehen?

 

Ich bin der Überzeugung, dass sich letztlich die Aufgabe nicht verändert hat. Gott die Ehre zu geben – so lässt sich diese Aufgabe knapp zusammenfassen. Die Formen mögen sich wandeln. Gott wird jedoch auch geehrt, Gott wird gewichtig durch die Formen des geistlichen Lebens, die sich jetzt hier herausbilden. Gott gewinnt an Gewicht für das Gemeinwesen durch die neuen Formen der Gemeinschaft, in denen Junge und Alte zusammenleben auf diesem Gelände, in denen auch - auf Zeit - Leben geteilt wird.

Das diakonische Anliegen wird auf das Wesentliche konzentriert: Barmherzigkeit zu leben, um Gottes Barmherzigkeit zu bezeugen, Gott die Ehre zu geben durch gelebte Liebe.

 

Dahinter steht eine biblische Vorstellung, die im deutschen Wort ‚Ehre’, im lateinischen ‚gloria’ und selbst im griechischen ‚doxa’ nicht ganz deutlich wird. Erst das Hebräische ‚kabod’ enthüllt die volle Bedeutung: Gott wird gewichtig und strahlend, wenn wir Gott die Ehre geben.

 

Christliches Leben zeichnet sich also dadurch aus, dass Gott durch uns an Gewicht und Strahlkraft gewinnt. Nicht wir, die Kirchen und die einzelnen Christenmenschen, auch nicht die Diakonissen, sollen glänzend dastehen, sondern der dreieinige Gott soll erglänzen. Darum geht es.

 

Dahinter steht ein bestimmtes biblisches Bild. Es geht um die Vorstellung, dass Gottes Fülle sich in die Schöpfung hinein ergießt, dort angereichert wird durch tätige Liebe, und durch unseren Lobpreis zu Gott zurückkehrt und sogar Gott selbst bereichert. Es geht um einen Kreislauf. Der Glanz, der von Gott ausgeht, soll durch uns heller erstrahlen und so Gottes Freude vermehren. Wie oft wurde Gottes Freude in diesen 140 Jahren vermehrt!

 

Genau an diesem Wort ‚vermehren’ aber entzündete sich die Reformation. Martin Luther wollte das Missverständnis ausschließen, die Gnade, die ‚charis’ ließe sich erwirtschaften und die ‚charismen’ seien ein Verdienst. Aber Luther legte ebenso großen Wert darauf, dass die ‚charis’ sich durch tätiges Erbarmen entfalten will: durch ‚caritas’ oder ‚charity’.

 

Mit anderen Worten: diakonisches Handeln reichert die Gnade Gottes an, macht sie erfahrbar und breitet sie aus. An diesem Ort hat sich die Gnade Gottes vermehrt.

Luther hat allerdings durch seine Bibelübersetzung unkenntlich gemacht, dass Paulus das Wort ‚charis’ auch dort verwendet, wo er beschreibt, was die Menschen Gott zurückgeben. Gott danken und Gott preisen ist ebenso charis. Das ist in den lateinischen Übersetzungen noch erkennbar: ‚gratias’ – auch die Danksagung gehört in den Zusammenhang der charis – der Gnade. Der Jude Paulus hat diesen Kreislauf der Gnade, aus dem jüdischen Gottesdienst und Alltag. „Baruch ata adonai ...“ – gepriesen seist du Herr – im Dank- und Lobgebet strömt die charis, die von Gott kommt zu Gott zurück.

Gottes Erbarmen wird angereichert durch unser Erbarmen und unsere Dankbarkeit.

 

Darin ist eine Vorstellung von Gott erkennbar, die jede Berechnung und Verknappung der Gnade ausschließt. Gott fließt über vor Liebe. „Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade“ heißt es im Johannes-Evangelium. Der Strom der Gnadengaben reißt nicht ab, auch wenn wir etwas anderes meinen zu erleben. Dieser Ort ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Ort eucharistischen Lebens. Diakonische Praxis und Lobpreis Gottes reichern die Gnade Gottes an und geben sie Gott im Dank zurück. Paulus hat diese Sichtweise sogar erläutert, als er in seinen Gemeinden dafür warb, eine Kollekte für die Mutterkirche in Jerusalem aufzubringen. Er begründet die Kollekte nicht in einem Mangel an Ressourcen, sondern damit, dass die anderen Gemeinden die Gnade Gottes aus Jerusalem empfangen hätten.

 

Die Kollekte ist Dank für die empfangene frohe Botschaft von Gottes bedingungsloser Gnade. Die Kollekte ist tätige Barmherzigkeit, welche die empfangene tätige Barmherzigkeit zurück- und weitergibt. Und aus der Kollekte speisen sich die Werke der Diakonie. Die Kollekte wie das Dankgebet nennt Paulus Eucharistie. Die empfangene Gnade, die charis, wird angereichert, wird eu-charistia, indem die Gnade weitergegeben wird (so hat es der reformierte Theologe Karl Barth 1948 gesagt). Und das Ziel dieser Bewegung – die sich als tätige Barmherzigkeit, als caritas, zeigt - ist es, Gott die charis zurückzugeben: Gott zu loben und zu preisen.

 

„Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade“ (Joh 1, 16) – so hat der Evangelist Johannes das im Blick auf die Geburt Jesu gesagt. Und Paulus hat uns gelehrt, diese überströmende Gnade mit den anderen zu teilen und sie zu Gott zurückfließen zu lassen.

 

Vielleicht können wir die frohe Botschaft dieser Gnadenlehre in diesem Jahr deutlicher hören als zuvor. Die Heils-Ökonomie Gottes ist keine Ökonomie des Mangels. Die Gnade ist kein knappes Gut, das umkämpft oder verteilt werden müsste. „Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.“ – In Gottes Gnadenökonomie herrscht Überfülle. Hier greift die Logik der Verzinsung nicht, hier gibt es keinen religiösen oder diakonischen Markt, hier gibt es keine Spaltung in Arme und Reiche. Hier lassen sich auch keine Erlöse erzielen, die anderen vorenthalten bleiben.

 

Das Ziel dieser Gnadenökonomie ist die Fülle der Gnade für alle Menschen, ja alle Kreatur. Nicht Erlös, sondern Erlösung ist das Ziel. Und das Wunderbare dieser Ökonomie ist es, dass sich die Gnadengabe, indem sie weitergegeben wird, vermehrt. Wo Christen eucharistisch leben, wo sie sich aus Dankbarkeit von Gott in Dienst nehmen lassen und mit ihrer Kollekte Dank zum Ausdruck bringen, da wird der Traum eines Gemeinwesens wahr, in dem Frieden und Gerechtigkeit herrschen – eine Stadt in der Gott die Ehre gegeben wird.

 

Und es wird noch etwas Anderes wahr, das die Theologie lange nicht zu denken wagte.

Gott selbst – obwohl es Gott an nichts mangelt – Gott selbst wird durch unseren Dank bereichert. Gottes Schönheit gewinnt an Glanz und Gottes Güte gewinnt an Gewicht durch unseren Dank. Im italienischen ‚grazie’ ist noch deutlich zu hören, dass Dank und Anmut zusammen gehören. Wer Gott ‚grazie’ sagt, preist damit Gottes Güte und Anmut gleichermaßen. Deshalb suchen wir in Augenblicken großer Dankbarkeit nach Ausdrucksformen, in denen jene Grazie Gottes mitschwingt.

 

Das Kinderlied, das diesem Fest sein Motto verdankt, bringt dies besonders schön zum Ausdruck: „Der leichte, zarte Schmetterling flog aus von Gottes Hand

mit goldbestäubtem Flügelpaar und purpurrotem Band.“ In einer einzelnen zerbrechlichen Kreatur leuchte die ganze Schönheit der Schöpfung auf. Grazil und graziös verweist der Schmetterling auf Gottes Hand aber auch auf die Grazie des Schöpfers selbst.

Stauen und Dank sind unsere Antwort.

 

Und heute ist ein solcher Moment großer Dankbarkeit für einen anderen Schmetterling aus Gottes Hand. Wir feiern das 140. Jahresfest des Frankfurter Diakonissenhauses.

Wir loben und preisen Gott für die Gabe dieses Ortes und seiner Menschen. Dank sei Gott für die Grazie, die Schönheit der Barmherzigkeit. Dank sei Gott für alle guten Werke, die aus der Güte derer entsprungen sind, die hier Dienst getan haben und tun.

 

Wir danken und wir preisen Gott. So erhöhen wir Gottes Gewicht in der Welt – und lassen Gott selbst erstrahlen. Unsere Zukunft liegt in seiner Hand.

Amen

 

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